Weihnachten gilt als das Fest der Liebe und Harmonie – doch die Realität sieht bei vielen Menschen ganz anders aus. Statt Vorfreude beherrschen zwiespältige Gefühle, Hektik, Anspannung, geheime Wünsche und hohe Erwartungen schon die Adventszeit. Die Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie (GwG), mit ca. 3000 Mitgliedern der größte europäische Fachverband für Psychotherapie und Beratung, hat Weihnachtsbräuche auf den psychologischen Prüfstand gestellt und Tipps zur Weihnachtdiplomatie für Familien und Singles zusammengestellt.
Jahr für Jahr, bricht sie - diktiert vom Einzelhandel - mit Macht früher über uns herein: die Weihnachtszeit. Vorherrschend sind festlich geschmückte Einkaufszonen, Hektik in den Straßen. Die Gedanken vieler Menschen kreisen ums Schenken, um das nahende Weihnachtsfest, um die Frage: wer feiert mit wem wie? Immer mehr Menschen empfinden in der Adventszeit, so die Informationen aus zahlreichen psychotherapeutischen Praxen, wachsenden Druck und Anspannung, widersprüchliche Gefühle - eine Mischung aus mystischen Gedanken, verklärten Kindheitserinnerungen, Ahnungen, Wünschen, Hoffnungen und Ängsten. Woher kommen diese Empfindungen, was bewirken sie – und wie können sie gesteuert werden?
Versunkene Bilder
"Die Gefühle von früher sind geblieben", erklärt der Psychotherapeut Dr. Hermann-Josef Berk die Zusammenhänge, "aber die Bilder von einst sind versunken. Diese Spaltung verursacht geheimnisvolle Gefühle, gegen die man sich kaum wehren kann." Wer weiß schließlich heute noch, wie intensiv früher die Weihnachtszeit vorbereitet und gefeiert wurde, wie stark sie in Volksbräuche, Erzählungen, Märchen und Mythen und in die Naturgesetze eingebettet war. Diese Mythen reichen weit über die christliche Zeit hinaus.
So prägte früher beispielsweise das germanische Lichtfest die Weihnachtszeit. Hier stand die Hoffnung im Vordergrund, dass die Tage bald wieder länger und heller würden. Als das Christentum Fuß fasste, gehörten in die Adventszeit insgesamt neun Wendefeste. Mit ihnen waren Übergangsriten, Zauberpraktiken, Opfer- und Orakelbräuche verbunden. Das erste Wendefest fand an Sankt Martin statt. Es ging um die Wende im Jahresablauf und um das bäuerliche Wirtschaftsjahr. Sankt Martin war das erste große Schlachtfest des Jahres, u.a. wurden die Martinsgänse geschlachtet. Schließlich konnten die Bauern aus Futtermangel nicht das gesamte Vieh über den Winter bringen. Am 21. Dezember wurden Sonnenwende und Winteranfang gefeiert. Die christliche Adventszeit, die etwa seit dem neunten Jahrhundert bekannt ist, war Fastenzeit. Das Grün des Weihnachtsbaumes beinhaltete die Hoffnung auf ein fruchtbares Jahr.... Diese vielfältigen Mythen um Weihnachten herum machen deutlich, weshalb die meisten Menschen diese Phase als eine ganz besondere erleben.
Verkehrte Adventszeit
"Solche und viele andere geschichtlichen und christlichen Zusammenhänge haben sich heute verdichtet zu einer undefinierbaren, gefühlsschweren Zeit, behaftet mit vielen Erinnerungen und inneren Aufträgen, die häufig keinen Bezug zum Lebensalltag der Menschen haben", sagt die Gesprächspsychotherapeutin Carmen Rosen. "Heute erleben die Menschen nicht mehr wie früher eine ruhige Weihnachtskultur, die in ihren Lebensrhythmus eingebettet ist, sondern Kommerz pur." Die Adventszeit habe sich regelrecht verkehrt. Statt die langen dunklen Abende entspannt und ruhig zu verbringen mit besinnlichen Anteilen und gemeinsamen Festvorbereitungen, müsse Weihnachten quasi nebenher, neben dem anstrengenden Berufsalltag, regelrecht bewältigt werden. "Weihnachten hat sich dem Arbeitsrhythmus anzupassen, ohne den eigentlich notwendigen Raum für Vorbereitungen. Das führt zwangsläufig zu Stress."
Schwerer als der Konsumzwang wiegten aber häufig, so die Psychologische Psychotherapeutin Annelie Dott, "übertriebene Sehnsüchte nach Harmonie." Was das ganze Jahr über nicht funktioniert, soll dann plötzlich an Heilig Abend klappen: "Die vollständige, harmonische Familie steht mit vor Glück strahlenden Kindern singend am Weihnachtsbaum. Der Friede, nach dem sich alle sehnen ist danach in deutschen Familien zu Weihnachten eingekehrt.....". heißt es in einer historischen Quelle. "Das kann nicht funktionieren...", sagt Dott. "Insbesondere die ältere Generation koppelt Ansprüche an Beziehungen, die eigentlich nichts mit Weihnachten zu tun haben. Hier kommen unerfüllte Wünsche nach Zuwendung zum Ausdruck, die sich Weihnachten kaum einlösen lassen." Darüber sollte man außerhalb der Feiertage in Ruhe miteinander sprechen.
Vertrackte Weihnachtsdiplomatie
Was also tun? Wie immer in Hektik verfallen? Insbesondere Familienfrauen sind davon betroffen. Alles irgendwie managen und nachher froh sein, dass Weihnachten irgendwie vorbei ist? Das muss nicht sein. Aus Sicht der Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie gibt es vielfältige Lösungsmöglichkeiten. Dr. Hermann-Josef Berk: "Entwickeln Sie Ihre ganz persönliche Weihnachtsdiplomatie". Carmen Rosen: "Feiern Sie ein eigen-sinniges Weihnachtsfest, geben Sie dem Fest einen eigenen Sinn." Annelie Dott: "Grenzen Sie sich von übermäßigen Ansprüchen ab." Zur Weihnachtsdiplomatie kann ebenso gehören:
Tipps für Familien
- Nicht alle Weihnachtsbräuche unhinterfragt übernehmen. Denke darüber nach: Brauchen wir Nikoläuse, Christstollen, Adventskalender, Fensterdekoration, selbstgebackenes Weihnachtsgebäck? Im Vorfeld an Alternativen denken nach dem Motto: Wie kann ich mich entlasten?
- Weihnachtsbudget festlegen.
- Wenn die erste Kerze am Adventskranz angezündet wird, Zeit einräumen, um sich über die eigenen Weihnachtsvorstellungen klar zu werden. Jedes Familienmitglied sollte seine ganz persönlichen Vorstellungen offen und ohne Kritik äußern dürfen. Hier helfen Fragestellungen wie: Was ist Dir an dem Fest besonders wichtig? Wie stellst Du Dir das Fest vor? Auf was möchtest Du keinesfalls verzichten? Respektier, auch wenn es schwer fällt, die Wünsche von Jugendlichen, die oft ganz eigene Vorstellungen haben. Frag nach, such nach Kompromissen. Danach sollte konkret vorgeplant werden, wie der Heilig Abend ablaufen soll; eine Dramaturgie des Abends entwerfen. Darin sollte zumindest jeder einen Teil seiner Vorstellungen wiederfinden. Und jeder sollte auch Aufgaben übernehmen.
- Konkret festlegen, welche Familienmitglieder mitfeiern. Zerstrittene Mitglieder nicht an einen Tisch bitten. Sich nicht vor unbequemen Entscheidungen drücken. An den Feiertagen gibt es Ausweichmöglichkeiten für "schwierige Verwandte" - oder Zeit schenken außerhalb der Feiertage. Getroffene Entscheidungen ohne schlechtes Gewissen als Familienentscheidung vertreten. Ggf. gemeinsame Aktionen planen, um Peinlichkeiten oder Streit zu vermeiden.
- Festlegen, wer welche Arbeiten übernimmt. Wenn beispielsweise Kinder auf das Plätzchen backen bestehen, die berufstätige Mutter aber weder Zeit noch Lust dazu hat, überlegen: Wer kann mit den Kindern backen? Die Großmutter, die Freundin... Wer kümmert sich um den Baum, die funktionierende Lichterkette, die Dekoration? Wer ist am Heilig Abend konkret für welche Tätigkeit verantwortlich? Oft macht das gemeinsame Kochen mehr Stress als Spaß. Vielleicht benötigt die Hausfrau Ruhe in der Küche, statt Hilfe. Die Ergebnisse der Weihnachtskonferenz oder "Familienkonferenz" ggf. als Erinnerungsstützen schriftlich festhalten. Das verhindert spätere Auseinandersetzungen.
- Was gibt es an Heilig Abend und den Feiertagen zu essen? Wer kauft was ein? Wer kocht wann? Was kann bestellt, vorbereitet werden? Können die Gäste mit bei den Vorbereitungen helfen?
- Terminplanung: Welche Weihnachtsfeste außerhalb der Familie stehen wo an? Wer geht mit wem hin? Nicht alle Familienmitglieder müssen an allen Weihnachtsfeiern teilnehmen. Man kann auch ganz bewusst absagen und so Freiräume schaffen. Lücken im Terminkalender einbauen. Zeit zum Einkauf für Geschenke einplanen. Wer erst am 24.12. die letzten Geschenke einkauft, hat selber keine Freude daran.
- Weihnachtsgeschenke. Sie sind ein heikles Thema. Hilfreich sind hier - insbesondere bei Kindern - Wunschzettel, die zumindest teilweise berücksichtigt werden sollten. Kindern kann erklärt werden, dass auch das Christkind nur über ein begrenztes Budget verfügt. Gerade Kinder verbinden mit der massiven Weihnachtswerbung häufig die Phantasie, Weihnachten müsse das Schlaraffenland bringen.
Beachte, dass Geschenke immer geheime Botschaften beinhalten, die etwas über die Beziehung zwischen Schenkenden und Beschenktem aussagen. Deshalb ist es günstig, sich daran zu erinnern, welche Wünsche vielleicht zu einem früheren Zeitpunkt bereits geäußert wurden. Grundsätzlich gilt, je näher die Geschenke am Körper sind (Schmuck, Parfüm etc.), desto größer ist die Gefahr, daneben zu liegen.
- Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass man zwar einen günstigen Rahmen für das Fest schaffen kann, die Gäste aber für ihre Weihnachtsstimmung selbst verantwortlich sind. Ein gelungenes Fest ist eine Gemeinschaftsleistung.
Den nicht materiellen Wunschzettel schreiben, der Wünsche nach Ruhe, Entlastung und Rückzug enthält, z.B. freier Vormittag an einem Feiertag oder Besuch von Sauna oder Thermalbad.
- Bau in der Adventszeit ganz bewusst Zeit für Vorbereitungen ein - auch für kontemplative Anteile. Hier hilft es beispielsweise, sich nach dem Abendessen Zeit zu nehmen, eine Kerze anzuzünden, Musik zu hören, sich zu entspannen....Gerade in der dunklen Jahreszeit geht ohnehin alles etwas langsamer. Das kann berücksichtigt werden.
Tipps für Singles
- Nach einer psychologischen Untersuchung gilt das Weihnachtsfest unter Singles als eines der gefürchtetsten Feste. Gefühle wie "ich bin mutterseelen-allein kommen hoch". Sich bewusst machen, dass jeder Mensch - auch der, der in einer Familie lebt - letztlich allein ist.
- Rechtzeitig mit Freunden besprechen, wer mit wem feiert.
- Prüfen, ob die Stadt, die Lieblingskneipe gute Angebote macht.
- Offen und ohne schlechtes Gewissen mit Eltern darüber austauschen, wenn der bevorstehende Weihnachts-Pflichtbesuch Beklemmungen verursacht. Oft verhindern gegenseitige Vorurteile, dass jeder sein eigen-sinniges Weihnachten feiern kann. Eltern denken oft, "das arme einsame Kind", Kinder "die armen einsamen Eltern". Vielleicht möchte jeder ja ins geheime gerne mal alleine feiern oder etwas ganz anderes machen als Weihnachten feiern.
- Mut haben, Weihnachten ggf. gemütlich vor dem Fernseher zu verbringen. Im Extremfall daran denken, dass die schweren Stunden wirklich nur Stunden sind, die vorüber gehen.
Tipps für alle
Überlege vorher, wie du auf "falsche Geschenke" humorvoll reagieren kannst("Na ja, war ja einen Versuch wert, ich wollte mal testen, wie Dir so was gefällt. Umtausch jederzeit eingeschlossen...."). Darüber nachdenken, wie du dich vor Konflikten zwischen Beteiligten schützen kannst. Hier hilft die Vorstellung: Wie kann ich das Fest genießen, wie mache ich mir einen schönen Abend? Was tut mir gut? Davon ausgehen, dass Familienkonflikte auch vor Heilig Abend nicht unbedingt Halt machen. Runter mit den Erwartungen, das senkt den Stress.
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie.